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S U D A N

Im Konflikt zwischen dem nördlichen und südlichen Teil Sudans geht es um die Autonomiebestrebungen des Südens, aufgrund seiner Benachteiligung und der Repression seiner Bürger durch die zentrale Regierungsgewalt im Norden. Mit einem Referendum schließlich stimmte die Bevölkerung Südsudans 2011 über die Loslösung ihres Territoriums vom sudanesischen Einheitsstaat ab.


Konfliktursachen

Der Sudan ist eines der ethnisch vielfältigsten Länder der Welt. Der Norden ist arabisch-muslimisch geprägt; der Süden von Schwarzafrikanern bevölkert, größtenteils werden traditionelle afrikanische Religionen praktiziert, etwa zehn Prozent sind dort Christen.
Als der Sudan 1956 aus britischer Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde, fanden sich zwei Landesteile zusammengeworfen, die nicht nur wirtschaftlich ungleich entwickelt, sondern auch kulturell wie politisch ganz unterschiedlich ausgerichtet waren. Es gab nun zwei deutlich verschiedene Führungsschichten, um die sich die vielen Völker des Sudan schnell polarisierten. Im Süden war in den Missionsschulen eine kleine christliche, englischsprachige Elite herangewachsen. In Khartum dagegen hatten nordsudanesische Intellektuelle der Kolonialherrschaft im Namen eines arabisch-islamischen Nationalbewusstseins getrotzt.


Konfliktauslöser

Die Bevölkerung im Süden erlebte die Regierung als fremde Macht, die ihr eine fremde Ordnung aufzwingen wollte. Wirtschaftliche Entwicklung oder einen Ausbau der Infrastruktur gab es nicht. Der Süden wurde während der Kolonialzeit und anschließend durch Khartum jahrzehntelang benachteiligt.
Die Südsudanesen drängten auf eine föderale Staatsordnung mit mehr Rechten für die Regionen und ausgeglichenerer wirtschaftlicher Entwicklung. 1972 wurde dem Süden eine Autonomie zugestanden. Die Aushöhlung der Autonomie führte 1983 zum Wiederaufflammen des Krieges. Ein Versuch, die ölreichen Gebiete des Südens dem Norden anzuschließen, war 1980 gescheitert. 1983 erhoben sich südliche Armeeangehörige und gründeten die SPLA. Sie forderte einen "Neuen Sudan", der allen seinen Bürgerinnen und Bürgern, gleich welcher religiösen und ethnischen Herkunft, gleiche Chancen bietet.


Konfliktverlauf

Seit jenem Ende der Kolonialzeit 1956 haben die Sudanesen keinen andauernden Frieden erlebt. In Sudan wurde fortan - mit einer Unterbrechung zwischen 1972 bis 1983 - mit unterschiedlicher Intensität Krieg geführt.
Die Regierung des Präsidenten Omar al-Bashir in Khartum versuchte sich mit der Hilfe arabischer Nomadenmilizen den Zugriff auf die Ölfelder zu sichern und erklärte den Konflikt zum "Heiligen Krieg gegen die Christen und die Ungläubigen". Im Laufe der Jahre gelang es dagegen der SPLA, weite Teile des Südens unter ihre Kontrolle zu bringen. So wurden Kämpfe um knappe Ressourcen entlang ethnischer Trennlinien ausgetragen. Es waren 40 Jahre, die den Süden, der mit viel Wasser, fruchtbaren Böden und vor allem Erdöl gesegnet ist, in eine der tristesten Elendsregionen der Welt überhaupt verwandelt haben. Insgesamt kostete der Krieg rund zwei Millionen Menschen das Leben, vier Millionen wurden vertrieben.
2005 mündeten Friedensgespräche in einem Vertragswerk zwischen der sudanesischen Regierung und der SPLA. Darin wurde die Durchführung eines Referendums festgeschrieben, welches den Südsudanesen ein Abstimmen über die Abspaltung und damit über die politische Unabhängigkeit ihres Teilstaates ermöglichen sollte.
Wenige Wochen nach Vertragsabschluss starb John Garang, seinerzeit Führer der SPLA und neuer Vizepräsident des Sudan, bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz. Er hatte die Vision eines föderalistischen, demokratischen Gesamtstaates. Sein Nachfolger, Mayardit, der den militärischen Flügel der SPLA kommandierte, verfolgte hingegen von Anfang an eine separatistische Position.


Konfliktprognose

Am 9. Juli 2011 wird der Südsudan nun voraussichtlich in die Unabhängigkeit entlassen, da im Januar 98 Prozent der stimmberechtigten Südsudanesen für die Sezession gestimmt haben. Doch es gibt noch eine Menge existentieller Fragen zu beantworten. Fragen danach, wie die bittere Armut zu lindern sei; ob und wie die verschiedenen Völker Südsudans unter der Führung der SPLA ein Einheitsgefühl entwickeln können; wie die infrastrukturellen Probleme gelöst werden können.
Der Konflikt um die Ölvorkommen in der Abyei-Region, deren territoriale Zugehörigkeit umstritten ist, und überhaupt die zukünftige Verteilung der Einnahmen aus dem Ölgeschäft, welche derzeit etwa hälftig zwischen Nord und Süd geteilt werden, muss endlich zu einer einvernehmlichen Lösung gebracht werden, wie der Süden fordert. Dieser sitzt auf dem Öl, aber dem Norden gehören die Pipelines und Raffinerien.
Im Südsudan bestehen ein gewähltes Parlament, eine präsidiale Regierung sowie ein Gerichtssystem, mit einem Obersten Gericht in der Funktion eines Verfassungsgerichts.
Bei der Entwicklung einer neuen Verfassung, einer darauf abgestimmten Rechtsordnung, dem Aufbau eines Gesundheits-, eines Bildungswesens und einer Verwaltungsstruktur ist der Süden in den nächsten Jahren unbedingt auf technische und fachliche Hilfe vom Ausland angewiesen.

Zum Darfur-Konflikt

Arne-Lenard Wittchen, April 2011