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S R I L A N K A

In dem seit nun schon 25 Jahren andauernden Konflikt auf der kleinen Insel Sri Lanka (circa 65.000 km² groß, kleiner als Bayern) geht es um zwei Völkergruppen von unterschiedlicher ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, die buddhistischen Singhalesen und die hinduistischen Tamilen. Deren Interessen bezüglich der Landesaufteilung gehen weit auseinander. Es kommt die aus britischer Besatzungszeit hervorgehende Diskriminierung der tamilischen Minderheit von singhalesischer Seite hinzu, was die Kompromissbereitschaft und das Kommunikationsbedürfnis von beiden Gruppen stark einschränkt.


Konfliktursachen

Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die Zeit der britischen Besatzung im 16. Jahrhundert zurück. Die drei vorher voneinander getrennten Königreiche (singhalesisch: Kandy und Kotte; tamilisch: auf der Halbinsel Jaffna) werden unter Großbritannien zu einer Verwaltungseinheit namens Ceylon. Es kommt schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu ersten Spannungen, da unter der britischen Besatzung Tamilen bevorzugt als Verwaltungsbeamte eingesetzt und vom indischen Festland indische Tamilen als Arbeitskräfte für Teeplantagen nach Ceylon geholt werden. Die Singhalesen identifizieren die Tamilen mit der verhassten Kolonialmacht.

Als 1948 Ceylon in die Unabhängigkeit entlassen wird, bilden drei große Parteien von seiten der Singhalesen („United National Party“ - UNP), Tamilen („Tamil Congress“ - TC) und der Gastarbeiter („Ceylon Indian Congress“ - CIC) eine Einheitspartei, die sich die Bildung eines eigenen Staates zum Ziel gesetzt hat. Gesetze, die die Ausbürgerung der zugewanderten Indien-Tamilen beschließen und somit circa 50 Prozent der Tamilen bürgerrechtslos machen, führen zum Zerbrechen der Partei.

Ab 1956 beginnen die Diskriminierungen gegen die Tamilen unter der neu gegründeten singhalesischen „Sri Lanka Freedom Party“ (SLFP), vor allem durch die Einführung des schwer zu erlernenden Sinhala als Amtssprache und die Verdrängung von der Sprache Tamil aus dem öffentlichen Leben (Sinhala Only Act). Weitere Diskriminierungen bestehen in Schließungen und Verstaatlichungen von tamilischen Privatschulen, dem erschwerten Zugang von Tamilen zu Bildungseinrichtungen wie Universitäten, dem Beförderungsstopp für tamilische Beamte oder der Aufstockung des Militärs durch ausschließlich singhalesisches Personal.

1972 tritt die bis heute geltende Verfassung in Kraft, in der der offizielle Staatsname in „Sri Lanka“ geändert wird. Zur gleichen Zeit schließen sich die tamilischen Parteien zur „Tamil United Liberation Front“ (TULF) zusammen, die einen eigenen Tamilenstaat (Tamil Eelan) fordert und die stärkste Oppositionspartei der seit 1977 regierenden UNP bildet. Unter dem Vorwurf des Seperatismus werden den tamilischen Abgeordneten ihre Parlamentssitze verweigert. Nebenher bildet sich aus tamilischen Untergrundkämpfern die „Liberation Tigers of Tamil Eelan“ (LTTE). Die Spannungen verschärfen sich seither zusehends.


Konfliktauslöser

Als konfliktauslösender Moment wird der 24. Juli 1983 angesehen. Die Situation eskaliert in einem Anschlag der LTTE auf einen singhalesischen Militärposten im Norden der Insel. Innerhalb weniger Jahre hat die LTTE auf der Seite der Tamilen die Vorherrschaft errungen, indem sie andere tamilische Widerstandsgruppen aufgesogen bzw. bekämpft hat. Von diesem Zeitpunkt an steht Sri Lanka in einem offenen Bürgerkrieg.


Konfliktverlauf

In der folgenden Zeit kommt es zu Pogromen gegen die Tamilen bei denen Tausende zu Tode kommen, viele werden zur Flucht in andere Landesteile gezwungen. Die LTTE erhält in den nächsten Jahren starke Unterstützung durch den indischen Bundesstaat Tamil Nadu, der zum Rückzugsort und zur Basisstation der tamilischen Kämpfer wird. Bis 1986 hat die LTTE die gesamte Jaffna-Halbinsel und den Norden und Osten der Insel eingenommen. Indien ruft jedoch ab 1987 die UN zu Hilfe, da es seine regionale Sicherheit durch die hohe Flüchtlingszahl gefährdet sieht.

Unter Zustimmung der srilankischen Regierung werden mit einem UNO-Mandat 1987 Friedenstruppen („Indian Peace Keeping Forces“ - IPKF) auf die Insel geschickt, die jedoch in einen blutigen Guerillakrieg verwickelt werden. Der bewaffnete Widerstand der LTTE verstärkt sich mit Selbstmordattentaten vonseiten der LTTE, die als neue militärische Strategie entwickelt werden.

Ab 1989 fangen die IPKF an, sich aus dem Krieg zurückzuziehen, nachdem sie bereits 1.500 Tote zu verzeichnen haben. Nach einem erfolglosen, erneuten Versuch zu Friedensgesprächen 1990 ziehen die Friedenstruppen komplett ab. Als einziges Resultat bleibt eine Vereinbarung übrig, die die Einbürgerung von 50 Prozent der Indien-Tamilen in Sri Lanka festlegt. Ab März 1991 verschärft sich der Bürgerkrieg wieder, die LTTE ermordet den singhalesischen Regierungschef Ranasinghe Premadasa und den indischen Premier Rajiv Gandhi (1993). Daraufhin ergibt sich zwischen den verfeindeten Gruppen eine Pattstellung: Die LTTE kontrolliert den Norden und Nordosten, kann jedoch die srilankische Regierung nicht zur Annahme der Friedensbedingungen bewegen; die Regierung hingegen kontrolliert zwar den Rest des Landes, ist jedoch nicht in der Lage, die von der LTTE besetzten Gebiete zu erobern.

Erst als die srilankische Armee sich 1996 wieder ausreichend reorganisiert hat, schafft sie es, die Jaffna-Halbinsel zu erobern. Doch 2000 schafft es die LTTE durch den Einsatz von Selbstmordkommandos oder Bombenanschlägen in der Hauptstadt Colombo, den Zugang von Sri Lanka zur Jaffna-Halbinsel, den Elefantenpass, zu besetzen. Aufgrund ihrer unmenschlichen Kriegsführung wird die LTTE von den USA als terroristische Vereinigung proklamiert. Im Jahre 2002 wird das militärische Gleichgewicht durch ein von Norwegen initiiertes Waffenstillstandsabkommen und Friedensverhandlungen begünstigt.

Doch schon ab 2004 wird die Krise wieder entfacht, als die srilankische Regierung Rote-Kreuz-Hilfslieferungen im Zuge des Tsunamis an die tamilischen Gebiete unterschlug. Ab 2006 kam es auch wieder zu den ersten Gewaltausschreitungen von beiden Seiten. Massaker, Bombenangriffe, Attentate, Anschläge und psychologische Gewalt (z.B. Unterbindung der Wasserversorgung, Rekrutierung von Kindersoldaten) standen nun wieder auf der Tagesordnung. Auch die EU ernennt die LTTE nun als terroristische Organisation.

2007 erkämpfte sich das Militär den Osten der Insel und verteidigt dieses nun mit massivem Militäraufgebot. Momentan wird hauptsächlich um den Norden Sri Lankas und den Elefantenpass gekämpft. Am 2. Januar 2008 kündigt die Regierung unter Präsident Mahinda Rajapakse den Waffenstillstand auf, der doch schon vorher nicht mehr gültig gewesen war. Am 16. Januar 2008 zieht sich die „Sri Lanka Monitoring Mission“ (SLMM), die die Waffenruhe von 2002 überwachte, aus der Krisenregion zurück, doch behält Norwegen weiterhin seinen Status als Vermittler im Konflikt. Bislang haben wahrscheinlich mehr als 70.000 Menschen ihr Leben in diesem Krieg gelassen.


Konfliktprognose

Im Allgemeinen denke ich, dass ein Ende der Gewaltausschreitungen vorerst nicht in Sicht ist. Zudem wird die wirtschaftliche Leistung des Landes weiterhin stark unter dem Konflikt leiden. Viele Arbeitsplätze sind schon verloren gegangen, die Investitionsbereitschaft ausländischer Firmen sinkt rapide und auch der Tourismus hat seit dem verheerenden Tsunami im Jahr 2004 stark nachgelassen.

Durch unzählige abgebrochene Friedensgespräche und nicht eingehaltene Waffenstillstände haben sich die Fronten extrem verhärtet. Beide beteiligten Parteien, weder die Regierung noch die LTTE, sind momentan wirklich aufrichtig gewillt, eine schnelle Friedenslösung zu finden. Zwar initiierte Präsident Rajapakse 2006 die Gründung des so genannten „All Party Representative Committee“ (APRC), einer Arbeitsgruppe aus Experten aller Lager, die sich um eine Erarbeitung einer politischen Lösung bemühen soll. Doch wurde gleich der erste Vorschlag („Majority Report“) von der Regierung abgelehnt.

Die einzige wirkliche Möglichkeit für eine schnelle Friedenserzielung, die ich sehe und die auch Experten als Lösung ansehen, ist die Reformierung der seit 1972 bestehenden, veralteten Verfassung. Die Regierung sollte die Idee des Einheitsstaates aufgeben und wenigstens eine föderale Staatsordnung in Betracht ziehen. Das würde den Erwartungen der LTTE entgegenkommen und Entspannungen zwischen den Konfliktgegnern erzeugen. So wie ich das einschätze, müsste die srilankische Regierung nur einen relativ kleinen Schritt tun, um eine Basis für neue Friedensbemühungen in ihrem Land zu schaffen.

Ulrike Kiewitt, März 2008