Startseite
Theorie
Organisationen
Krisen im Überblick
Impressum
Konfliktinhalt
S E R B I E N

Wenn man den Kosovo-Konflikt betrachtet, muss man sich dazu den Kosovo-Krieg aus dem Jahr 1999, seine Vorgeschichte und den bis heute andauernden weiteren Konfliktverlauf ansehen. Der Kosovo-Krieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen einigen Nato-Staaten und der damaligen Bundesrepublik Jugoslawien. Die teilnehmenden Nato-Staaten waren die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Italien, Niederlande, Belgien, Kanada, Portugal, Türkei und Spanien.

Die Auseinandersetzungen fanden in der Zeit vom 24. März bis zum 10. Juni 1999 in der Provinz Kosovo, einem Teil von Serbien, statt. Es handelte sich um einen Autonomie- bzw. Sezessionskrieg, in dem um größere regionale Autonomie des Kosovo und sogar für die Sezession vom Staatsverband gekämpft wurde. Es begann mit Aktionen von kosovarischen Freischärlern (UCK), die für die Unabhängigkeit des Kosovo kämpften (ab 1998), nachdem in den Jahren zuvor die Autonomierechte des Kosovo Schritt für Schritt aufgehoben und die Kosovaren von den Serben immer mehr diskriminiert worden waren. Die serbische Armee versuchte ihrerseits mit zunehmender Gewalt die UCK zu bekämpfen.


Konfliktursachen

Die Ursachen für den Krieg und den bis heute andauernden Konflikt liegen darin, dass im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien sehr viele Nationalitäten vereinigt wurden. Das Land konnte bis zum Zerfall der Sowjetunion die Volksgruppen vereinen. Ab 1989 jedoch entwickelte sich ein verstärktes Nationalgefühl und es zeigten sich vielerorts die verschiedensten Bemühungen der Nationalitäten um Unabhängigkeit. Im Zuge der Machtkonsolidierung des Milosevic-Regimes wurden diese Unabhängigkeitsbewegungen strikt bekämpft und vorhandene Autonomierechte zurückgenommen. Daraus entwickeln sich mehrere (zunächst) innerstaatliche Kriege.


Konfliktauslöser

Der Auslöser für den zwischenstaatlichen Krieg (Nato vs. Jugoslawien) ist eine militärische Aktion der jugoslawischen Armee am 15. Januar 1999, bei der wahrscheinlich 45 Zivilisten und Kinder starben. Es werden Beobachter der OSZE ins Gebiet geschickt, in der Weltöffentlichkeit spricht man zunehmend von einer Strategie der „ethnischen Säuberung“ seitens der Serben. Durch internationalen Druck kommt es zu Friedensverhandlungen in Rambouillet (Frankreich). Diese werden aber am 19. März 1999 aufgrund der Weigerung von Milosevic die Verträge zu unterschreiben abgebrochen.


Konfliktverlauf

Der offizielle Grund für die Nato ohne UN-Mandat militärisch einzugreifen (Anfang 1999) ist die humanitäre Notlage angesichts eines drohenden Völkermords und massiven Verbrechens gegen die Menschlichkeit bei gleichzeitiger Chancenlosigkeit auf ein Mandat durch den UN-Sicherheitsrat. Man will jetzt lieber schnell eingreifen und nicht so lange warten wie in Bosnien-Herzegowina. In den folgenden Angriffen werden über 2.000 Zivilisten getötet und über 6.000 verwundet. Sehr viele Flüchtlinge fliehen in die Nachbarstaaten, insgesamt werden später über 500.000 Binnenflüchtlinge und 850.000 Vertriebene in den Nachbarstaaten gezählt.

Am 3. Juni 1999 stimmt Milosevic dem internationalen Friedensplan zu, der den Rückzug serbischer Truppen aus dem Kosovo, die Rückkehr von Flüchtlingen und die Stationierung einer bewaffneten internationalen Einheit (KFOR) vorsieht. Zu dieser Einheit entsendet auch Deutschland bis heute einige tausend Soldaten. Mit der Verabschiedung einer UN-Resolution am 10. Juni, die zusätzlich noch die Entwaffnung der UCK, die internationale Unterstützung beim Wiederaufbau und die zivile Verwaltung unter UN-Aufsicht über das Kosovo vorsieht, wird der Krieg beendet. Trotzdem bleiben die Nato-Truppen zur weiteren Stabilisierung der Lage im Land.

Durch die Nato-Truppen wurde der Konflikt zwischen Serben und Kosovaren um die Zukunft des Kosovo zunächst unterbunden, er war jedoch immer noch vorhanden. Als Montenegro 2006 auch die Unabhängigkeit vom Staatenbund Serbien und Montenegro erklärte, forderte das nach Unabhängigkeit strebende Gebiet Kosovo ebenfalls immer mehr Autonomierechte bzw. die vollständige Souveränität. Internationale Bemühungen zur Lösung des Konflikts und bei der Suche nach einem dauerhaften, tragfähigen Status für das Kosovo scheiterten allesamt. Denn obwohl die Region die ärmste ganz Serbiens ist, will sie Serbien unbedingt behalten, da sich im Kosovo das für Serbien historisch wichtige Amselfeld und kulturell wichtige Klöster befinden. Somit hat die Angst vor der Souveränität Kosovos einen großen symbolischen Gehalt für die Serben. Die Kosovaren wiederum wollten sich zunehmend weniger mit irgendwelchen Kompromissen zufrieden geben.

Die Situation wurde durch die Kfor-Truppen und die internationalen Polizeikräfte mehr oder weniger beherrscht und stabilisierte sich trotz einiger Übergriffe und Unruhen beider Konfliktparteien bis ins Jahr 2008. Am 16. Februar dieses Jahres erklärte Kosovo jedoch einseitig die staatliche Unabhängigkeit, was ein erneuter Auslöser für Unruhen auf nationaler bzw. zwischenstaatlicher wie internationaler Ebene war.


Konfliktprognose

Das Kosovo wird unabhängig bleiben, trotz aller Proteste, Übergriffe und politischer Strategien der Serben. Ob die Lage in dieser Region friedlich wird, hängt nun stark von den Serben ab. Denkbar sind zwei Szenarien, wie sich die Serben verhalten könnten. Zum einen könnten sie hart bleiben und dauerhaft das Kosovo nicht als eigenständigen Staat anerkennen und weiterhin versuchen, Verbündete für diese Position zu finden. In diesem Fall würde eine friedliche Koexistenz eher eine Utopie bleiben, da die serbische Minderheit von Zeit zu Zeit Proteste und Übergriffe gegenüber Kosovaren vollziehen könnten. Auch politisch wäre das Kosovo nicht voll souverän und handlungsfähig, da viele Staaten dem Aufruf Serbiens folgen und das Kosovo bisher nicht anerkannt haben. Dadurch würde die aggressive Stimmung beider Parteien zur Normalität werden und eine dauerhafte internationale Schutztruppe von Nöten sein.

Das andere denkbare Szenario wäre, dass Serbien irgendwann auf Druck u.a. von der EU und durch Erkennen der Unumkehrbarkeit der Souveränität Kosovos einlenkt und das Kosovo politisch anerkennt oder zumindest nicht mehr behindert. Dies ist momentan zwar nicht sehr wahrscheinlich, jedoch auch nicht ganz abwegig, da sich die großen serbischen Parteien in der Frage der Annäherung oder Abkehr von der EU sehr different positionieren. Dennoch wollen viele Serben das Kosovo wieder als Teil Serbiens sehen und sind deshalb derzeit sehr aggressiv. Doch die Region kann letztendlich nur friedlich werden, wenn die Serben ihre Haltung zum Kosovo pragmatisch überdenken.

Ben-Alexander Funke, Juni 2004;
Überarbeitet von Konstantin Szengel, März 2008