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R U S S L A N D

Gründe, auf denen der Konflikt am Kaukasus beruht, sind die Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens, einer Region, welche Teil der Russischen Föderation ist. Die Bemühungen der Tschetschenen, einen eigenständigen Staat zu gründen, welche durch zwei Kriege in den 90er Jahren auch auf militärischer Ebene zum Ausdruck kamen, haben bis heute noch zu keinem Ergebnis geführt. Die Regierung Russlands reagierte auf jede Unabhängigkeitsbestrebung mit Gewalt und machte somit deutlich, dass sie dem tschetschenischen Volk keinen eigenen und unabhängigen Staat zusprechen wird, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen (Transitstrecke für Erdölpipeline).


Konfliktursachen

Die Ursachen lassen sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts erahnen. Nachdem Russland sich im Kaukasus als imperialistische Macht durchgesetzt hat, beginnt die Unter-werfung der dort lebenden Völker und die damit verbundene Eingliederung in das russische Hoheitsgebiet. Die meisten Völker leisteten keinen oder nur kaum Widerstand. Diese, die es taten, wurden entweder vertrieben oder auf brutale Art und Weise unterworfen. Auch der Widerstand des als freiheitsliebend geltenden Volkes der Tschetschenen wurde gebrochen.

Die Versuche, in dem 1922 autonom gewordenen Gebiet durch Volksbildung und politische Erziehung den Sozialismus zu festigen, schlugen bis zum 2. Weltkrieg fehl. Die darauf 1944 beginnenden Deportationen nach Zentralasien, welche mehr als 100.000 Tote forderten, hatten die Auslöschung des tschetschenischen Volkes zum Ziel. Nach der 1957 erlaubten Heimkehr der Überlebenden, wurde der Ruf nach Unab-hängigkeit immer lauter.

Zu Beginn der 90er Jahre formiert sich eine Unabhängigkeitsbewegung, welche unter der Führung des Generals Dudajew steht. Als 1991 der Putschversuch gegen Gorbatschow, welcher von der damaligen tschetschenischen Regierung unterstützt wurde, fehlschlägt, stellt sich Dudajew auf die Seite Jelzins und sichert sich somit die russische Unterstützung zu. Die tschetschenische Regierung wird gestürzt und die Russen setzen einen provisorischen Obersten Sowjet ein. Damit ist klar, dass Russland Tschetschenien weiterhin als Teil der Föderation sieht und sich gegen dessen Unabhängigkeitsbestrebungen ausspricht. Ein Grund dafür sind sicherlich die reichen Erdölvorkommen in dieser Region. Zudem gilt Tschetschenien als wichtiger Transportkorridor, den Russland nur ungern verlieren will.

Dudajews Ziel ist aber weiterhin die Unabhängigkeit Tschetscheniens. Nachdem er am 27. Oktober 1991 zum Präsidenten gewählt wird (die Wahl wurde von Seiten Russlands als illegal betitelt), proklamierte er am 8. November 1991 diese. Einen Föderationsvertrag mit Russland lehnt er weiterhin ab. Die russische Regierung unterstützt nun Gegner Dudajews und verstärkt ihre Truppen an den Grenzen zu Tschetschenien.


Konfliktauslöser

Als Auslöser für den am 11. Dezember 1994 ausbrechenden Krieg durch eine russische Intervention, wird der Abschuss eines russischen Helikopters gesehen. Zuvor wurde durch Propaganda ein Feindbild gegen die Tschetschenen aufgebaut. Des Weiteren lieferte die russische Regierung Waffen an die Gegner Dudajews.


Konfliktverlauf

Mit diesem Krieg beginnt die bewaffnete Phase des Unabhängigkeitskampfes. Nach der Intervention Russlands wird zwei Monate später die Hauptstadt Grosny eingenommen und bis zum April 1995 sind circa 80 Prozent des tschetschenischen Gebietes erobert. Tausende Menschen fliehen in das benachbarte Dagestan, welches Mühe hat, diesen Flüchtlingsstrom aufzunehmen. Nachdem es im Juni 1995 zu einer Geiselnahme in Budjonnowsk kommt, wird am 30. Juli ein Militärabkommen unter der Schirmherrschaft der OSZE mit Russland geschlossen. Dieses beinhaltet einen Waffenstillstand, die Entwaffnung der tschetschenischen Kämpfer und einen Abzug der russischen Truppen bis auf 6.000 Mann. Dieser Waffenstillstand hält aber nur einige Wochen, da es immer wieder zu Terrorakten durch Freischärler kommt. Am 9. Januar 1996 kommt es erneut zu einer Geiselnahme in Perwomaiskoje, die 3.000 Tote fordert. Am 21. April wird Dudajew bei einem Anschlag tödlich verwundet. Sein Nachfolger Jundabijew unterzeichnet im August 1996 dann ein Waffenstillstandsabkommen. Am 12. Mai 1997 unterschreibt Maschadow als neuer Präsident den Friedensvertrag.

Diesem 21monatigen Krieg sind vermutlich mehr als 80.000 Menschen zum Opfer gefallen. Die internationale Kritik bleibt vorerst aus, da dieser Konflikt als ein innerstaatlicher angesehen wird. Erst gegen Ende der Kriegshandlungen wird die Kritik an der russischen Vorgehensweise massiver.

Russland ist im Folgenden auf die internationale Isolation Tschetscheniens bedacht. Eine legitime Regierung kann nicht aufgebaut werden, da Hilfe von außen ausbleibt, die wirtschaftlichen Zustände im Land kritisch bleiben und auch fast die gesamte Infrastruktur zerstört ist. Die Lage nach dem Krieg bleibt demnach weiterhin angespannt. Es kommt immer wieder zu Geiselnahmen, Entführungen, Überfällen und politischen Morden. Im Dezember 1998 wird der Ausnahmezustand in Tschetschenien durch das Parlament verhängt. Im Juni 1999 greifen dann tschetschenische Rebellen auf Dagestan über, um dort einen unabhängigen, islamischen Gottesstaat zu gründen. Dies schlägt fehl, nicht zuletzt durch das Eingreifen russischer Truppen. Nach diesen Kämpfen kommt es zu einer Serie von Bombenanschlägen auf Moskau. Russland geht davon aus, dass diese Terrorakte durch Tschetschenen ausgeübt werden und antwortet mit Vergeltungsschlägen durch die russische Luftwaffe. Im Oktober 1999 marschieren russische Truppen erneut in Tschetschenien ein, mit dem Ziel, Grosny zu erobern. Der zweite Krieg ist unausweichlich.

Im Januar 2000 wird die Stadt Grosny, welche fast völlig zerstört ist, von russischen Truppen eingenommen. Erst im März ist der Widerstand weitgehend gebrochen und nur noch vereinzelte Kämpfe im Gebirge finden statt. Den russischen Truppen gelingt aber auf diesem schwerzugänglichen Gelände kein entscheidender Schlag gegen die tschetschenischen Kämpfer. Im Juli 2000 erklärt Präsident Putin dennoch den Krieg für gewonnen. Die darauf folgenden Verhandlungen blieben allerdings erfolglos. Ein Waffenstillstandsabkommen oder gar ein Friedensvertrag wurde bis heute noch nicht unterzeichnet. Die Kampfhandlungen und Selbstmordanschläge gehen immer noch weiter.

Auch hier tritt die internationale Gemeinschaft nur sehr verhalten auf, da Russland diesen Krieg als Kampf gegen den Terrorismus legitimiert. Dennoch werden gerade durch die Medien immer wieder Berichte über schwere Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen durch russische Soldaten an die Öffentlichkeit getragen. Die UNO fordert schon seit einiger Zeit die Zulassung unabhängiger Beobachter. Doch bis heute stellt sich die russische Regierung dagegen und macht eine Untersuchung dieses Problems unmöglich.


Konfliktprognose

Da sich beide Völker stark voneinander entfremdet haben, was nicht zuletzt auf die russische Propaganda zurückzuführen ist, ist es schwer, beide Parteien wieder an einen Verhand-lungstisch zu bekommen. Das gegenseitige Misstrauen muss abgebaut werden. Dies könnte zum Beispiel durch wirksame Wiederaufbaumaßnahmen seitens Russlands geschehen. Des Weiteren würde auch die Disziplinierung der russischen Soldaten zu einer „Entspannung“ beitragen. Um dies aber erreichen zu können, müssen die Kampfhandlungen aufhören. Auch die spektakulären Geiselnahmen der Tschetschenen (Theater in Moskau, Schule in Beslan) führen zu keinem Ziel. Wenn allerdings jeder Anschlag mit einem Vergeltungsschlag beantwortet wird, kommt man einer friedlichen Lösung auch nicht näher.

Umfragen in Tschetschenien haben ergeben, dass ein Großteil der Bevölkerung auch mit einer Autonomie zufrieden wäre und nicht mehr unbedingt die Unabhängigkeit fordert. Allerdings sieht die Politik der momentanen russischen Regierung nicht nach einer Annäherung an die Tschetschenen aus. Wenn sie weiterhin Menschenrechtsverletzungen zulässt, um somit die russischen Soldaten zu schützen und auch die internationale Hilfe abweist, wird es in der nächsten Zeit zu keiner erkennbaren Entspannung dieses Konfliktes kommen. Zu-geständnisse müssen beide Parteien machen, dazu muss man sich aber wieder an einen Tisch setzen und die Verhandlungen erneut aufnehmen.

Friederike Wagner , Juni 2005