Startseite
Theorie
Organisationen
Krisen im Überblick
Impressum
Konfliktinhalt
N I G E R I A

Nigeria wird immer wieder von blutigen Auseinandersetzungen zwischen der christlichen Bevölkerung des Südens und den Muslimen im Norden erschüttert. Besonders im „Middle Belt“, welcher sich mitten durch das Land zieht und die unsichtbare Grenze der beiden Landesteile bildet, kommt es häufig zu Ausschreitungen. Dabei geht es nicht primär um die religiösen Differenzen, sondern um die Verteilung von Land und Ressourcen, die Besetzung politischer Ämter, Gesetzesgültigkeit, sowie soziale Ungerechtigkeit. Auch die Verteilung der Gewinne aus der Erdölförderung spielt angesichts hoher Arbeitslosigkeit und geringer Perspektiven besonders unter Jugendlichen immer wieder eine Rolle.
Doch das Problem ist nicht nur in der Bevölkerung anzusiedeln, denn die Politik unternimmt kaum etwas gegen die immer wieder aufkeimenden Unruhen. Im Gegenteil unterstützen viele Politiker eine der beiden Seiten.


Konfliktursachen

Nigeria ist ein Vielvölkerstaat mit über 300 verschiedenen Völkergruppen. In den nördlichen Provinzen des Landes leben vorwiegend die muslimischen Hausa-Fulani, im Süden hingegen sind die meisten Menschen eher christlich orientiert und gehören den Yoruba im Südwesten oder den Igbo im Südosten an. Die Bevölkerung teilt sich zu gleichen Teilen auf die beiden religiösen Gruppen auf, sodass keine eine Mehrheit im Land hat.
Die Separation von Nord und Süd hat ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Unter zunächst portugiesischer, später britischer Herrschaft wurde vor allem der südliche Teil wirtschaftlich und kulturell beeinflusst. Die 1960 gemeinsam erlangte Unabhängigkeit führte jedoch auch nicht zu einer Einigung unter den Volksgruppen. So wurde das Land bis 1999 mehrfach brutal von verschiedenen Militärdiktaturen regiert, die jedoch die Spannungen innerhalb der Bevölkerung nur unterdrückten und nicht lösten.
Seit der Kolonialzeit ist der Süden weiter entwickelt und bietet mehr Perspektiven als der Norden. Der Abgrund zwischen dem ärmeren Norden und dem reicheren Süden wird dadurch noch verstärkt. Zudem unterscheidet das nigerianische Gesetz zwischen Einheimischen und Zugezogenen. Nigerianer aus dem Norden, die sich im Süden eine neue Existenz aufbauen wollen, haben dadurch keine Chance in den öffentlichen Dienst oder an Universitäten zu gelangen. Das bestärkt nicht nur den gegenseitigen Hass, sondern verhindert auch eine Durchmischung des Volkes.
Ein weiterer Faktor, der die Gewaltbereitschaft unterstützt, ist der Konflikt um die Gewinne aus der Erdölförderung. Ausländische Firmen profitieren mit Hilfe der nigerianischen Regierung von den reichen Ölvorkommen, die Bevölkerung dagegen wird nicht an den Gewinnen beteiligt. Zudem ist Nigeria stark von der Erdölbranche abhängig, die wirtschaftlichen Perspektiven in anderen Bereichen sind gering.
Auch Korruption unter Politikern trägt zur Instabilität des Landes bei, sowie die Missachtung der Verfassung und der Kampf der Ethnien um die politische Macht. Neben den zwei großen politisch-ethnischen Gruppen, gibt es noch zahlreiche Minderheiten, die sich zunehmend bedrängt fühlen und wehren.
Die großen anhaltenden Spannungen fördern das Konfliktpotenzial, welches sich zu gegebenem Anlass meist brutal entlädt. Ein Angriff auf der einen Seite zieht einen Gegenschlag nach sich, was zu einer endlosen Gewaltschleife führt.


Konfliktauslöser

Nach der Rückkehr Nigerias zur Demokratie im Jahr 1999 führten die 12 nördlichen Bundesstaaten, trotz Verfassungswidrigkeit und Verstoß gegen den säkularen Status des Landes, bis 2001 die Scharia, das islamische Recht, als oberstes geltendes Recht ein. In neun Staaten ist sie uneingeschränkt gültig, in drei anderen gilt sie nur in Gebieten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung.


Konfliktverlauf

Bei den ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen im Mai 1999 wurde der südnigerianische Christ Olusegun Obasanjo zum Präsidenten gewählt. Sein Wahlsieg war für die nordnigerianische Bevölkerung und besonders für die Eliten des Nordens gleichbedeutend mit einem Verlust ihres politischen Einflusses. Um sich wieder zurück ins aktuelle politische Geschehen zu bringen, führte der Gouverneur des nördlichen Bundesstaates Zamfara im November 1999 als erster die islamische Scharia-Gesetzgebung ein. Damit übte er Druck auf die übrigen Regierungen der nördlichen Bundesstaaten aus, die dem Druck nach und nach weichen mussten. Dem Staatspräsidenten wurde vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen die Einführung des islamischen Gesetzes vorgegangen zu sein. Die Empörung insbesondere auf christlicher Seite war sehr groß, so kam es in einigen Landesteilen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um lokale Posten, die vornehmlich von Muslimen besetzt worden waren: Bei größeren Unruhen in den nördlichen Städten Kafanchan und Kano und in den südwestlichen Städten Sagamu und Lagos kamen mindestens 300 Menschen ums Leben.
Im Februar und Mai 2000 kamen bei Christenverfolgungen in Kaduna etwa 2.000 Menschen zu Tode, mehrheitlich christliche Igbo. Zur Vergeltung wurden daraufhin 450 Muslime im Süden des Landes getötet. Einige Monate später, im September, wurde der Weltöffentlichkeit bewusst, welche Folgen die Einführung der Scharia nach sich zog: eine 17-Jährige wurde wegen vorehelichen Geschlechtsverkehrs zu 180 Peitschenhieben verurteilt. Die junge Frau war schwanger geworden, nachdem sie von ihrem Vater zum Geschlechtsverkehr mit drei Männern, denen er Geld schuldete, gezwungen worden war. Nach heftigen Protesten und Verurteilungen der Vorgehensweise aus aller Welt wurde das Urteil revidiert.
Im folgenden Jahr 2001 kam es wiederholt zu Aktionen gegen Christen im Norden des Landes, bei denen in Bauchi circa 1.000 Menschen starben. Vom 7. bis 17. September 2001 kam es auch in der bis dahin weitgehend friedlichen Stadt Jos im Zentrum des Landes zu Kämpfen mit bis zu 3.000 Toten. Die Unruhen zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungsteilen waren durch einen Konflikt um ein lokalpolitisches Amt angestoßen worden. Die Ereignisse des 11. Septembers in den USA heizten die ohnehin geladene Stimmung weiter auf, die sich im Endeffekt in blutigen Konfrontationen entlud. Noch im selben Jahr kam es im Oktober im Anschluss an eine Demonstration gegen die gerade von den USA begonnenen Luftangriffe gegen Afghanistan zu Ausschreitungen, bei denen circa 200 Menschen starben.
Wie gering der Anstoß sein muss, damit sich Christen und Muslime in Nigeria wieder brutale Schlachten liefern, zeigte sich bei den Miss-World-Wahlen 2002, die in Nigeria stattfinden sollten: Ein Artikel, der die Verurteilung des Wettbewerbs von islamischer Seite kritisierte, löste in mehreren Städten Übergriffe aus, bei denen circa 200 Menschen getötet wurden. Im Frühjahr 2003 wurde Olusegun Obasanjo erneut zum Präsidenten gewählt. Die Wahlen wurden jedoch von Unregelmäßigkeiten, Manipulationen und teilweise auch Gewaltanwendung begleitet und warfen einen langen Schatten auf die nigerianische Politik. Wahlanfechtungen vor eigens eingerichteten Tribunalen zogen sich bis ins Jahr 2004, blieben aber weitgehend erfolglos.
Im Mai 2004 lösten Streitigkeiten um Landbesitz und politischen Einfluss zwischen christlichen Taruk-Bauern und muslimischen Fulani-Viehzüchtern Zusammenstöße aus, bei denen im zentralnigerianischen Bundesstaat Plateau insgesamt etwa 700 Menschen starben, die meisten davon bei Angriffen auf Kirchen oder Moscheen mit darauf folgenden Vergeltungsaktionen. Erst die Entsendung einer 600 Mann starken Sondereinheit durch die Bundesregierung und die Ausrufung des Ausnahmezustands für Plateau konnten in der Stadt Yelwa nach den Pogromen wieder Stabilität bringen. Zur gleichen Zeit brodelte im nordnigerianischen Kano ein zweiter Krisenherd. Nach zunächst friedlichen Demonstrationen eröffnete die Bundespolizei das Feuer auf randalierende muslimische Jugendliche, die zuvor Häuser und Geschäfte von Christen zerstört hatten; es kamen laut Regierung insgesamt 200 Menschen ums Leben.
Im Vergleich zu den Vorjahren war das Jahr 2005 ein relativ ruhiges Jahr, im Februar kam es zu vereinzelten Übergriffen auf Christen in nordnigerianischen Dörfern. Zudem wurde von einer extremen Verschärfung der Durchsetzung islamischer Gesetze in Kano berichtet. Im Zusammenhang mit den von einer dänischen Zeitung 2006 veröffentlichten Mohammed-Karikaturen ereigneten sich im Februar kurze Gewalteruptionen. Die Gewalt wurde durch die Unbeliebtheit der geplanten Reformen, die dem amtierenden Präsidenten eine dritte Amtszeit ermöglichen sollten, zusätzlich gefördert. Bei Übergriffen gegen Christen, ihre Häuser, Geschäfte und Kirchen in Nordnigeria ließen etwa 300 Menschen ihr Leben und insgesamt etwa 50.000 Menschen flohen temporär aus ihren Häusern. Es folgten Racheakte gegen Muslime in Südost-Nigeria in bisher ungesehener Größenordnung. Die geplanten Reformen scheiterten.
Die Regierung Obasanjos (1999-2007) hatte vor allem in der Wirtschaftspolitik makroökonomische Ziele erreicht, während die Menschen im Land und ihr Wunsch nach Demokratie und Frieden eher auf der Strecke blieben. So hofften viele Menschen mit der Präsidentschaftswahl 2007 auf eine Wende. Der Muslim Umaru Yar'Adua wurde neuer Präsident, doch wurde auch diese Wahl wieder von großen Unregelmäßigkeiten begleitet: Erpressungen, Wahlfälschungen und gewaltsame Übergriffe sollen Yar'Adua zum Sieg verholfen haben. In der Politik zeichnete sich mit seinem Amtsantritt zum Teil dennoch eine Veränderung ab, er setzte sich verstärkt für die Verminderung der sozialen Ungleichheit und das friedliche Miteinander christlicher und muslimischer Bevölkerung ein. Dennoch kam es im Juli 2007 vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendbanden verschiedener Ethnien.
Im Jahr 2008 kam es mehrmals zu Ausschreitungen mit mehreren hundert Toten, wie beispielsweise im zentralnigerianischen Jos: Nach Kommunalwahlen im November kam es zu Verzögerungen bei der Ergebnisverkündung, die Folge waren hunderte Tote beider Religionen, brennende Moscheen und Kirchen.
2009 gab es einige Übergriffe, wie die Angriffe auf öffentliche Schulen und Christen in den Nordprovinzen im Juli 2009. Im November zog sich Präsident Yar'Adua komplett aus der Öffentlichkeit zurück, um seine langwährende Nieren-Krankheit zu behandeln. Damit löste er eine Unsicherheit im Land und auch nach außen hin aus, da Nigeria ohne ein Oberhaupt, das es führt, kaum fähig ist, geschlossen aufzutreten.
Es folgten im Januar 2010 Konfrontationen zwischen Jugendbanden in Jos begleitet von schweren Ausschreitungen zwischen christlichen und muslimischen Milizen, bei denen mehr als 200 Menschen starben. Der nigerianische Vizepräsident Goodluck Jonathan entsandte daraufhin Militäreinheiten in die Krisenregion. Zwei Monate später, im März, gerieten Angehörige des Hirtenvolkes der Fulani (Muslime) und die Dorfbewohner der Berom (Christen) im Dorf Dogo Nahawa aneinander, dabei starben über 500 Menschen. Die Regierung ordnete eine Ausgangssperre für das betroffene Gebiet an.
Am 5. Mai 2010 verstarb Präsident Umaru Yar'Adua. Die Probleme und Schwierigkeiten, die in seiner Abwesenheit erneut aufgeflammt waren, fielen nun auf den Interims-Präsidenten Goodluck Jonathan zurück. Die Unruhen setzten sich gnadenlos fort: Bei einer Bombenserie auf christliche Kirchen in Dörfern in der Nähe von Jos starben am Weihnachtsabend 2010 32 Menschen. Den Anschlägen folgten Unruhen und Kämpfe zwischen bewaffneten Christen und Muslimen.
Im Februar 2011 verübten Muslime in nordnigerianischen Dörfern wiederholt so genannte Ritualmorde an Christen.


Konfliktprognose

Durch die Führungslosigkeit der letzten anderthalb Jahre ist Nigeria labil geworden, die Fortschritte im friedlichen Miteinander, die Yar'Adua geschafft hat, bleiben minimal.
Wie sich der ganze Konflikt in Zukunft entwickeln wird, ist stark abhängig vom Verlauf und Ausgang der Präsidentschaftswahlen, die zurzeit für April 2011 angesetzt sind. In Nigeria gilt das ungeschriebene Gesetz, dass sich ein muslimischer und ein christlicher Präsident im Amt immer abwechseln müssen. Da Yar'Aduas Amtszeit noch nicht beendet war, sein Vizepräsident als Christ aber sein Amt übernommen hat, wird damit gerechnet, dass es wieder einen muslimischen Präsidenten in Nigeria geben wird. Dann kommt es darauf an, welche Schwerpunkte sich der neue Präsident setzen wird.
Bisher gab es nur vereinzelte Bewegungen, die eine Annäherung der beiden Konfliktparteien schaffen wollten. Viele scheiterten oder erreichten nur geringe Erfolge. Nur wenige der Ausschreitungen wurden strafrechtlich untersucht.
Das Problem muss von seinem Ursprung her bewältigt werden, dazu sind Reformen in der sozialen Struktur und der Verfassung nötig, um schrittweise Differenzen abzubauen und aus der geteilten Bevölkerung wieder ein Volk zu machen.
Eine wirkliche Prognose lässt sich also erst nach den Wahlen im April 2011 aufstellen. Wie auch immer diese ausgehen werden, eine endgültige Teilung des Landes in Nord und Süd ist zwar unwahrscheinlich, doch bis zu einem endgültigen friedlichen Leben von Christen und Muslimen in Nigeria ist es noch ein weiter Weg.

Juliane Reddemann, März 2011