Startseite
Theorie
Organisationen
Krisen im Überblick
Impressum
Konfliktinhalt
K O L U M B I E N
In dem seit vielen Jahren anhaltenden Konflikt in Kolumbien gibt es verschiedene Konfliktparteien, die sowohl gegeneinander als auch miteinander agieren. Linksgerichtete Guerillagruppen kämpfen gegen die Regierung und ihre Truppen, zu denen auch paramilitärische Verbände zählen, und die Drogenkartelle arbeiten auf beiden Seiten mit, bekämpfen sich aber auch untereinander. Die Zivilbevölkerung leidet am meisten unter diesen anhaltenden Auseinandersetzungen.

Bei den Guerillabewegungen gibt es viele kleine, aber dem Staat stehen auch zahlenmäßig sehr große Gruppen gegenüber. Das bekannteste Beispiel dafür ist die FARC (Fuerzas Armadas des Pueblo de Colombia - Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens), die sich 1964 aus bäuerlichen Selbstverteidigungsgruppen zusammengeschlossen hat. Zwischenzeitlich hatte die Bewegung etwa 17.000 Anhänger. Eine weitere Guerillagruppe ist die ELN (Ejército de Liberación Nacional - Nationale Befreiungsarmee), die auch in den 60er Jahren entstanden ist. Die ELN orientierte sich immer ganz stark an dem Kampf von Che Guevara (Fokustheorie). Sie konnte aber nie eine so bedeutende Stellung einnehmen wie die FARC und hatte auch nur circa 5.000 Anhänger. Beide Gruppen, wie auch die meisten anderen Guerillabewegungen, finanzierten sich durch Entführungen, Schutzgelder, Erpressung und Steuern in den Landesteilen, die sie unter ihren Einfluss bringen konnten. Das bedeutete, dass die ansässige Bevölkerung keine Steuern mehr an die Regierung gezahlt hat, sondern direkt an die Guerilleros. Der Drogenhandel gehört ebenfalls zu dem großen Geld bringenden Geschäft, auch wenn das die Führungspersönlichkeiten der FARC bis heute bestreiten.

Den Guerilleros stehen die Regierung mit ihrem Militär und die Paramilitärs gegenüber. Die paramilitärischen Gruppen wurden Ende der 60er Jahre von Großgrundbesitzern und multinationalen Firmen gegründet, um deren Land vor Übergriffen der Guerillatruppen zu schützen. Schnell wurden diese Dienste auch vom Staat in Anspruch genommen und somit arbeiten viele der Paramilitärs noch heute im Auftrag der Regierung. 1997 schlossen sich die einzelnen Gruppen zur AUC (Autodefensas Unidas de Colombia - Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens) zusammen und der Kampf gegen die Guerillabewegungen rückte noch stärker in den Vordergrund. Allerdings gehen sie auch brutal gegen die zivile Bevölkerung vor, da diese als soziale Basis der Guerilla angesehen wird. Die Truppenstärke der AUC wurde 2004 auf circa 13.500-20.000 Kämpfer geschätzt. Die AUC finanziert sich zum großen Teil auch durch den Kokainhandel. In einigen Jahren lag der Anteil bei etwa 70 Prozent.

Eine weitere Konfliktpartei ist die Drogenmafia. In dieser gibt es viele Kartelle, die berühmtesten waren das Medellin-Kartell unter der Führung von Pablo Escobar und das Cali-Kartell, die sich gegenseitig Konkurrenz machen und mal auf der Seite der Guerillatruppen stehen und ein anderes Mal mit den Paramilitärs zusammenarbeiten. Allerdings gibt es auch regelmäßige Zusammenarbeit mit den offiziellen Regierungstruppen und auch einigen Politikern werden Drogengeschäfte nachgesagt.

Der Konflikt zwischen diesen Parteien ist von Terror, Entführungen, Massakern an der Zivilbevölkerung und Anschlägen auf staatliche Gebäude oder Guerillacamps geprägt. Die meisten Opfer sind auf Seiten der einfachen Bevölkerung zu finden, die somit immer mehr von diesem Konflikt betroffen ist. Außerdem wird das eigene Land mehr und mehr zerstört.


Konfliktursachen
Der Konflikt entspringt den starken sozialen Ungerechtigkeiten im Land und der Massenarmut, aber auch der Korruption der Politiker, die die schlechte wirtschaftliche Lage Kolumbiens verschuldet haben. Des Weiteren kam und kommt es immer noch bei Wahlen (Parlaments- und Präsidentschaftswahlen) zu starkem Stimmenkauf und Auszählungsbetrug. Ein großer Teil der Bevölkerung geht nicht (mehr) zu den Wahlen, da sie in die Politik überhaupt keine Hoffnung setzen. Stattdessen unterstützt die einfache Bevölkerung die Guerillagruppen. Die kleinen Parteien werden durch Wahlbetrug am Einzug in das Parlament gehindert und dafür wechseln sich die Liberalen und Konservativen in der Regierungsarbeit ab, was zu keiner klaren Linie führt und dem Land weiter schadet.

Mit genau diesem Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen begann der gewaltsame Konflikt in Kolumbien. 1948 wurde Jorge Eliécer Gaitán, ein linksliberaler Politiker, der gute Chancen auf die Präsidentschaft hatte, in Bogota erschossen. Darauf kam es zur Bogotazo, schwersten Unruhen in der Hauptstadt. Die Demonstranten, vor allem aus dem linken Milieu, und Studenten übernahmen gewisse Zeit die Kontrolle, bis sie brutal vom Militär und der Polizei niedergeschlagen wurden. Zeitgleich begann auf dem Land La Violencia (die Gewalt), in der konservative Regierungstruppen die ersten linksliberalen Guerilleros verfolgten und auch die sie unterstützende Zivilbevölkerung. Somit gründeten sich immer mehr bäuerliche Gruppen, die gegen das Militär kämpften. La Violencia ist definitiv eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Landes. In der Zeit von 1946-1958 ließen zwischen 180.000 und 300.000 Kolumbianer ihr Leben, die meisten von ihnen waren Zivilisten, wie fast immer in diesem Konflikt. Eine weitere Folge war die starke Landflucht und die dadurch immer schwächer werdende Landwirtschaft, sowie ein Einbruch in der Wirtschaftsleistung.


Konfliktauslöser
Der direkte Auslöser für den bewaffneten Konflikt in Kolumbien ist nicht so eindeutig fest zu machen. Die anhaltenden sozialen Probleme, La Violencia und immer wieder Wahlbetrug schürten die Gewalt und die Wut immer weiter. Auch die erfolgreiche Revolution auf Kuba unter Che Guevara 1959 sorgte in ganz Lateinamerika für die weitere Gründung von Guerillagruppen. Die Guerilleros orientierten sich alle ganz stark an der Fokustheorie von Che Guevara. Die Gruppen begannen den Kampf in kleinen ländlichen Räumen und bauten ihn immer weiter aus, bis irgendwann auch die Großstädte erreicht würden.

Konfliktverlauf

Seit den 60er Jahren dauert der bewaffnete Konflikt in Kolumbien zwischen den verschiedenen Parteien schon an. Der nicht endende Wahlbetrug und die immer größer werdenden sozialen Unterschiede förderten diesen von Beginn an. Da die Regierung überhaupt nicht versuchte die Probleme zu lösen, hatten die Guerilleros leichtes Spiel bei der Bevölkerung und konnten immer mehr Regionen einnehmen und die Führung in diesen an sich reißen. 1977 zettelten sie sogar einen Generalstreik an. Durch diesen erhielten die Polizei und das Militär freie Hand, um gegen die Guerilleros und ihre Sympathisanten vorzugehen. Unter Belesario Betancur kam es 1984 zum ersten Waffenstillstand mit der FARC und anderen kleinen Guerillabewegungen. Dieser wurde bis 1990 von Virgilio Barco fortgeführt. Dann endete aber diese Zeit der Entspannung, nachdem der neue Präsident César Gaviria das Hauptquartier und kleine Camps der FARC bombardieren ließ. Die Auseinandersetzungen zwischen den linken Guerilleros, die in den 90er Jahren noch einmal großen Zulauf aus anderen lateinamerikanischen Staaten erhielten, und den Paramilitärs nahmen in der Folge weiter zu und forderten immer mehr Leben. Durch die “Regierungen“, die die Guerillabewegungen in den ländlichen Regionen übernommen hatten, und die dort entstehenden “Schreckensregime“, verloren sie ihren großen Rückhalt in der Bevölkerung.

Der Verlust der sozialen Basis, das Vordringen der Paramilitärs und das neue Programm der Regierung unter Andrés Pastrana Arango, trieben die FARC und die ELN 1998 zu Friedensgesprächen. Es kam zur Einrichtung einer demilitarisierten Zone, die der Guerilla als Rückzugsgebiet dienen sollte. Da es aber immer noch zu Anschlägen und Entführungen kam, scheiterten die Friedensverhandlungen 1999/2000. Anschließend widmete sich Pastrana der Drogenbekämpfung und begann mit Unterstützung der USA (circa 3,7 Mrd. US-$) den Plan Colombia. Der Krieg gegen die Drogen beschränkte sich aber größtenteils darauf, die Koka-Plantagen in den Gebieten der FARC zu zerstören - gegen die, mit deren Hilfe sich die Paramilitärs finanzierten, wurde nur sporadisch vorgegangen.

2002 begann álvaro Uribe Vélez seine Amtszeit als Präsident in Kolumbien und mit ihm begann ein neues Kapitel im Kampf gegen die Guerillabewegungen und eine immer stärker werdende Militärpräsenz. Uribe hatte auch einen persönlichen Hass auf die FARC, nachdem Kämpfer dieser Gruppe seinen Vater erschossen hatten. Er trieb die Ausbildung der Militärs voran und erhöhte die Rüstungsausgaben. Seinen Truppen und den Paramilitärs gelang es immer mehr Gebiete wieder unter Kontrolle zu bringen und die Guerilleros zurückzudrängen. Seine größten Erfolge in diesem Krieg gelangen ihm in seiner zweiten Amtszeit, die durch einen Gerichtsbeschluss erst möglich geworden ist, da nach der Verfassung von 1991 keine Wiederwahl des Präsidenten möglich war. Bei dieser Wahl gaben nur 45 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Uribe bekam davon 62,2 Prozent. Am 1. März 2008 befahl Uribe einen Bombenabwurf auf ein FARC-Versteck, in dem sich Raúl Reyes, eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Guerilla zu dieser Zeit, aufhielt. Dieserkm dabei ums Leben. Damit brach die Struktur der FARC weiter zusammen. Der Angriff fand allerdings auf dem Staatsgebiet Ecuadors statt, was den Zorn und die Proteste des Nachbarn auf den Plan rief, aber vor allem auch Probleme mit Hugo Chávez, dem Präsidenten Venezuelas, einleitete. Der zweite große Erfolg war die Befreiung von Íngrid Betancourt und 14 weiteren Geiseln aus den Händen der FARC am 2. Juli 2008, durch eine spektakulär durchgeführte Militäraktion. Betancourt ist eine ehemalige Präsidentschaftskandidatin, die sich seit 2001 in Geiselhaft der FARC befand. Gerade in Europa sorgte diese Rettung für Aufsehen, da sie eine doppelte Staatsbürgerschaft hat (Kolumbien und Frankreich). Die Guerilleros wurden mittlerweile sehr weit zurückgedrängt und nach Schätzungen gibt es nur noch circa 9.000 solcher bewaffneter Kämpfer im Land.

Ein anderes wichtiges Kapitel in der Amtszeit von Uribe ist der Umgang mit den Paramilitärs. 2002 wurde das “Ley de Justicia y Paz“ (Gesetz über Gerechtigkeit und Frieden) beschlossen, welches die Straffreiheit (Amnestiegesetz) für Ex-Paramilitärs beinhaltet. Mit dem Abkommen von Ralito zwischen der Regierung und der AUC wurde eine vollständige Demobilisierung der Paramilitärs bis Ende 2005 beschlossen. Bis 2004 legten laut Regierung circa 14.000 Personen ihre Waffen nieder. An diesem Gesetzt gibt es allerdings von vielen Seiten Kritik. Durch die Amnestieregelung kaufen sich viele Drogenhändler in die AUC ein, um dann die Waffen niederzulegen und den Strafen für ihre Drogengeschäfte zu entgehen. Des Weiteren kommt es zu keiner sinkenden Präsenz der Paramilitärs in Kolumbien, da diese Bauern dafür bezahlen, die alten Waffen niederzulegen und vorher in die Uniformen der AUC zu schlüpfen. Daher wird von einer nur oberflächlich stattfindenden Demobilisierung gesprochen. Der größte Kritikpunk von Menschenrechtsorganisationen ist der, dass man mit diesem Gesetz Leute schützt, die zusammen wahrscheinlich mehr als 25.000 Menschen ermordet haben.

Am 1. März 2010 wurde vom Verfassungsgericht beschlossen, dass Uribe nicht ein zweites Mal wieder gewählt werden darf. Die Präsidentschaftswahlen finden am 30. Mai 2010 statt und damit endet dann im August die achtjährige Amtszeit von Uribe, der derweil noch den Kampf gegen die Drogen mit dem Plan Colombia weiterführt und regelmäßig Drogenhändler an die USA ausliefert um die Erfolge zu präsentieren.

Die Parlamentswahlen am 14. März 2010 ergaben eine große Mehrheit für die Konservativen und die anderen Parteien, die Uribe unterstützen. Allerdings waren wieder etwa 66 Prozent der Wahlberechtigten nicht zur Wahl gegangen.


Konfliktprognose

Die harte Linie von Uribe gegen die Guerilleros wird wahrscheinlich fortgesetzt, wenn nach ihm weiterhin ein konservativer Präsident an der Macht sein wird. Durch die immer stärker werdende Militärpräsenz und keinen wirklichen Rückgang der paramilitärischen Kämpfer wird es zu einem noch stärkeren Rückgang der Guerillabewegungen kommen. Sie verlieren ihre Einflussgebiete und werden sich in die benachbarten Staaten, vor allem Venezuela, zurückziehen und versuchen sich mit Hilfe der linken Regierungen in den Ländern zu rehabilitieren. Damit verbunden ist die Übernahme der letzten Gebiete in Kolumbien durch die Regierungstruppen und die daraus folgende gesamte Kontrolle über das Land. Allerdings wird das Problem der Paramilitärs bleiben, da diese zum größten Teil ausgebildete Kämpfer sind und nicht wissen was sie machen sollen, wenn es keine Guerilleros mehr zu verfolgen gibt. Also muss ein Reintegrationsprogramm oder etwas analoges geschaffen werden. Kolumbien bleibt als innerer Feind dann noch der Drogenhandel, da aber der Koka-Anbau die Lebensgrundlage für die meisten Bauern bedeutet, können sie diesen wohl nur geringfügig bekämpfen. Die einzige Möglichkeit dafür wäre eine Landreform und die Beseitigung der sozialen Ungerechtigkeiten.

In den letzten Jahren haben in vielen südamerikanischen Staaten linke Parteien und Personen die Regierung übernommen, diese beobachten die konservative in Kolumbien genau, besonders nach den Grenzüberschreitungen 2008. Zu solchen könnte es auch weiterhin bei der Verfolgung der Guerilleros kommen. Besonders, wenn diese in die Nachbarländer fliehen wollen. Außerdem sind die Rüstungskosten des gesamten Kontinentes enorm gestiegen. Venezuela kauft regelmäßig Waffen in Moskau ein und auch Brasilien hat den Rüstungsetat stark erhöht. Der nächste Konflikt könnte also zwischen den Ländern, besonders der linken Länder gegen Kolumbien entstehen. Kolumbien hat aber noch die Sicherheit, die USA im Rücken zu haben, was einen größeren Krieg vorerst verhindern sollte. So ein Konflikt wäre eine sehr traurige Aussicht, da sich gerade in den meisten Ländern so viel getan hat und die Menschen genug Leid ertragen mussten.

Johannes Köpcke, April 2010