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I N D I E N

Der Konflikt zwischen den beiden südostasiatischen Staaten Indien und Pakistan ist ein seit Jahrzehnten geschürter. Er dreht sich um den Kampf der fundamentalistischen Hindus in Indien und Moslems aus Pakistan, es geht um strittige Gebiete und deren Zugehörigkeit, in erster Linie um Kaschmir (bzw. Jammu und Kaschmir), und letztlich um den politischen Macht-kampf: „Wer ist der Stärkere?“


Konfliktursachen

Die Ursachen für diesen bis heute andauernden Konflikt sind vielschichtig und historisch breit gestreut. Der rein religiöse Konflikt wurde schon im 16. Jahrhundert geprägt durch einen gewaltsamen, fundamentalistischen Moslem, Mogul Aurangzeb, der als Herrscher über Indien Hindus systematisch verfolgen und umbringen ließ. Zu dieser Zeit entstand der tiefe Spalt zwischen beiden Religionen. Hinzu kommt, dass beide Religionen durch und durch verschiedene Glaubens-vorstellungen haben, der Islam den Monotheismus und im Hinduismus eine polytheistische Idee. Diese grundlegende Unvereinbarkeit beider Strömungen führt letztlich unter fundamentalistischer Beeinflussung zu religiös motivierten Auseinandersetzungen.

Eine weitere Ursache ist das Hinterlassen ungeklärter Grenzfragen auf indischem und pakistanischem Gebiet durch die Briten. Somit wurde das Grenzgebiet Kaschmir zum Vehikel des gesamten Konflikts. Außerdem führt die Verarmung der dort lebenden Bürger zu einem erhöhten Gewaltpotenzial.

Auch die nukleare Rüstung beider Staaten Ende des 20. Jahrhunderts führte zu weiterem Konfliktpotenzial.


Konfliktauslöser

Die Teilung Indiens nach der britischen Kolonialherrschaft in die zwei Staaten hatte sich nicht nur im Grenzgebiet katastrophal ausgewirkt. Nun forderte die Verfolgung der jeweiligen Minderheit, die brutaler und stärker wurde als zuvor circa eine Millionen Opfer. Der Glaubenskonflikt wurde durch diese Teilung aber keineswegs gelöst, da nun zwar zwei Drittel der muslimischen Bevölkerung in Pakistan lebte, allerdings noch ein Drittel in Indien. Insgesamt flohen rund 15 Millionen Menschen und mussten ihre ursprüngliche Heimat verlassen.

Die ehemaligen Fürstenstaaten hatten die Legitimation sich durch ein Referendum zu entscheiden, inwiefern sie unabhängig werden oder sich einem von beiden Staaten zuordnen wollten, darunter auch das strategisch sensible Kaschmir. Beide Parteien hatten enormes Interesse an diesem Gebiet. Es wurde von einem indischen Maharadscha regiert, hatte aber mehrheitlich muslimische Bevölkerung. Infrastrukturell, den ethnischen Mehrheitsverhältnissen nach und rein logisch gehört diese Gebiet zu Pakistan, jedoch hatte Indien ein strategisches Interesse an Kaschmir. Fast sämtliche Flüsse, die wesentlich zur Wasserversorgung Indiens beitragen, haben ihren Ursprung im Kaschmirgebiet und zudem hatte das Staatsoberhaupt Nehru eine stark emotionale Bindung zu dem Land aus dem stammte Es kommt im selben Jahr, am 15. August 1948, zum Ausbruch des ersten Kaschmirkrieges, nachdem Pakistan „Freiwillige“ in Kaschmir eingeschleust hatte, die später als Armee fungierten. Indien marschierte dann in Kaschmir ein. Dies erforderte mindestens 3.000 Opfer und endet mit der Überlegenheit Indiens, doch die Kämpfe gingen weiter. Schließlich musste die UNO 1949 einen Waffenstillstand erzwingen, der mit der Teilung und Besatzung Kaschmirs endete. 1957 wird der indische Teil Kaschmirs umbenannt in Jammu und Kaschmir.


Konfliktverlauf

Der Konfliktherd bleibt allerdings schwelend. Gerade unorganisierte Guerillakämpfer werden immer aktiver, bis es 1956 am 5. August zum Ausbruch des 2. Kaschmirkrieges kommt. Die Mujahids (pakistanische Terrororganisation) boten sich mit Sicherheitskräften im indischen Kaschmir einen Guerillakrieg, und so reagierte die indische Regierung mit der Entsendung von Truppen und der Überschreitung der Waffenstillstandslinie. Es kam an der pakistanisch-indischen Grenze zu schweren Panzerschlachten. Dabei kamen mindestens 20.000 Menschen ums Leben. Am 23. September desselben Jahres wurde der Konflikt abermals durch die UNO als Vermittler auf der Konferenz von Taschkent beendet.

Im April 1984 kam es ein weiteres Mal zu ernsthaften Auseinandersetzungen um unwegsames Gletschergebiet (Siachengletscher) im nördlichen Kaschmir. Dieser Krieg wurde von beiden Konfliktparteien genutzt, um den Anspruch auf Kaschmir deutlich zu machen. Das nicht gelöste Kaschmirproblem, sowie die Bereitschaft beider Staaten militärische Konflikte in Kauf zu nehmen, birgt, angesichts des wachsenden Widerstands unter der islamischen Bevölkerungs-mehrheit im indischen Kaschmir, die Gefahr einer Eskalation der kriegerischen Auseinandersetzungen in sich.

Ende der 80er Jahre wurden wiederum von pakistanischer Seite geschürte separatistische Bewegungen laut und stiften Unruhen. Seit 1990 herrschen im Gebiet von Kaschmir bürgerkriegsähnliche Zustände. Vorschläge beider Seien zur Konfliktlösung und Bemühungen um Frieden wurden gegenseitig abgetan.

Während der kalten Krieges erfolgte durch Unterstützung von den Großmächten USA und den Verbündeten (Pakistan) und UDSSR (Indien) nach der Afghanistanintervention eine beidseitige Aufrüstung. Ein jahrzehntelanger Rüstungswettlauf, der erst Mitte der 90er Jahre zu einem vorläufigen Ende kommen sollte, machte aus dem Gebiet Indiens und Pakistans ein „Pulverfass“.

Doch es sollte noch schlimmer kommen durch den nuklearen Rüstungswettstreit. Unterstützt von den jeweiligen Partnern wird die Anzahl atomarer Sprengköpfe beider Parteien immer größer. Beide Staaten sind entschlossen die atomaren Waffen im Fall der Fälle gegeneinander einzusetzen und widerstehen auch dem Druck der USA zur Abrüstung. Seit 1989 existiert nun ein bilaterales Abkommen beidseitige Nuklearanlagen aus Angriffen auszunehmen. Der erste Schritt zu Entspannung war nun getan. Durch US-amerikanischen Druck dachten nun beide Parteien nach, den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag der UNO zu unterschreiben und eine atomfreie Zone Südasien zu gründen. Doch dieses Vorhaben scheiterte bis heute an der indischen Regierung.

Seit 1990 existiert ein Guerillakrieg in Kaschmir, der von kriegserfahrenen afghanischen Kämpfern geführt wird. Diese sind von Pakistan ausgebildet und eingeschleust worden. Die Aufständischen werden auf weit über 10.000 geschätzt, wobei sich der Anteil der ausländischen Söldner aus dem Afghanistankrieg soweit erhöht hat, dass diese nun die Mehrzahl der Kämpfer stellen. Im Frühjahr 1993 spitzt sich die Lage in Kaschmir erneut zu. Es werden lokale Geistliche und politische Führer ermordet.

Seit 1994 entspannt sich der Konflikt allmählich wieder etwas, diese Gegend bleibt jedoch ein Brandherd. 1999 kommt es zum Militärputsch in Pakistan und man spricht von einer „Kalaschnikow-Kultur“ im pakistanischen Kaschmir. In diesem Jahr stuft Washington diesen Konflikt mit seinem Atompotenzial als den brennendsten seiner Zeit ein.

Mit dem 11. September 2001 verändert sich die Lage erheblich. Man erkannte die afghanische Terrorunterstützung der Pakistani und stellte sich nun eher auf die indische Seite. Es erfolgt eine weitere Eskalation mit dem Anschlag auf das indische Parlamentsgebäude am 13. Dezember 2001. Doch beide Seiten erklärten kurz darauf, dass sie nicht an einem Krieg interessiert seien. Am 12. Januar appellierte der pakistanische Präsident Musharraf an seine Mitbürger, religiös motivierter Gewalt und Ignoranz eine Absage zu erteilen. Doch im Mai 2002 brach die Situation ein weiteres Mal auf durch einen Anschlag auf eine Militärsiedlung in Kaschmir.

Nachdem Ende 2002 ein reger Kontakt als großer Fortschritt angesehen wurde, verschlechterten sich die Beziehungen zunächst Anfang 2003 wieder, da Indien den pakistanischen Hochkommissar auswies. Im Frühjahr testen beide Länder erneut ihre atomwaffenfähigen Mittelstreckenraketen. Die Situation auf dem indischen Subkontinent drohte zu eskalieren und entspannte sich nur langsam durch starken inter-nationalen Druck. Mit kleinen Schritten näherten sich Indien und Pakistan wieder an, sodass die Beziehungen der beiden Länder zum Jahreswechsel als so gut wie lange nicht mehr galten. Im Jahr 2004 hat der indische Premierminister Vajpayee dem pakistanischen Staatsoberhaupt die „Hand des Friedens“ gereicht und für die Wiederaufnahme diplomatischer Kontakte plädiert. Am 29. April fand das erste Telefonat der beiden Staatschefs seit eineinhalb Jahren statt.

Die Entspannungsbemühungen brachen nicht ab, obwohl die Gewalt in Kaschmir anhielt. Im Mai kündigte Vajpayee an, wieder einen Botschafter nach Pakistan zu entsenden. Ende November vereinbarten beide Seiten schließlich einen Waffenstillstand an der Grenzlinie, die Kaschmir in einen pakistanischen und indischen Teil trennt, der bislang eingehalten wird. Im Rahmen des Südasiengipfels in Islamabad trafen sich die Regierungschefs der beiden Nachbarstaaten am 4. Januar 2005 erstmals seit fünf Jahren.


Konfliktprognose

Durch weitestgehende Entspannung zwischen indischer und pakistanischer Regierung – in Indien kam bei den Parlamentswahlen die Kongresspartei wieder an die Macht - und den Anfang 2005 das erste Mal angedachten Bau einer gemeinsam finanzierten Gaspipeline von Iran nach Pakistan und Indien zeigt sich ein Friedenswille, eine hohe Bereitschaft und Motivation endlich in Frieden leben zu können und dafür den eigenen Schatten zu überspringen. Auch das Suchen des gemeinsamen Gesprächs ist Zeugnis des Interesses am Anderen und an Ruhe.

Der Kaschmirkonflikt ist bis heute brisant. Noch längst sind nicht alle religiösen und ethnischen Differenzen aus der Bahn geschafft. Zudem verfügen beide Mächte über atomare Sprengköpfe, die nicht nur eine lokale Bedrohung darstellen. Weiterhin sind fundamentalistische Gruppierungen sowohl auf der hindu- als auch der muslimischen Seite aktiv.

Lara Lübbe, Juni 2005