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C H I N A

Den Konflikt zwischen China und Tibet kann man als Auseinandersetzung um die Autonomie Tibets bezeichnen. Dieser weitet sich auf die Gebiete der Kultur und der Religion aus und hat dort einschneidende Veränderungen zur Folge wie zum Beispiel die Flucht des Dalai Lama ins Exil nach Indien.


Konfliktursachen

Seit dem 14. Jahrhundert herrscht in Tibet eine unabhängige Monarchie. Die Gründung des „Gelb-Mützen-Ordens“ erfolgt im Jahr 1409. Bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts bündelt sich die politische und religiöse Macht in Person des Dalai Lamas. Dieser kommt aus den Reihen des „Gelb-Mützen-Ordens“ und macht so diesen Orden für die weitere Zukunft Tibets sehr wichtig. Knapp ein Jahrhundert später (1727) versuchen die Chinesen ein politisches Gegengewicht zum Dalai Lama zu schaffen: Den Pantschen Lama (Stellvertreter des Dalai Lama).

Im Zuge der Errichtung der Republik China wird Tibet 1912 zu einer chinesischen Provinz deklariert. Jedoch schon zwei Jahre später soll das Abkommen zwischen China, Großbritannien, Indien und Tibet die Unabhängigkeit Tibets sichern. Dieser Vertrag wird von China nie ratifiziert.

Tibet wird geteilt, das nördliche „Innere Tibet“ kommt zu China, das Hochland „Äußeres Tibet“ wird von der Hauptstadt Lhasa aus formal als indirektes britisches Protektorat unabhängig verwaltet.


Konfliktauslöser

Ende Oktober 1950 intervenieren chinesische Truppen in Tibet und besetzen dieses. Am 23. Mai 1951 sieht das Abkommen von China und Tibet die Eingliederung Tibets in die chinesische Republik vor. Tibet soll seine Autonomie behalten, der Dalai Lama seine geistliche und politische Funktion behalten. Zusätzlich soll kein Anhänger des Lamaismus verfolgt und die buddhistischen Traditionen sollen geachtet werden. In der Außenpolitik wird Tibet nun von Peking vertreten. In der Folgezeit wird das Gesundheits- und Bildungswesen verbessert, der Lamaismus aber zurückgedrängt. Auf Grund von Zwangsarbeit und der Auflösung lamaistischer Klöster bildete sich der tibetanische Widerstand.

Als Gegenmaßnahme der chinesischen Regierung beginnt diese mit Umsiedlungsprogrammen und Deportationen von Tibetern nach China. Dies war der Zeitpunkt für den Ausbruch eines Guerillakrieges: Chinesische Truppen greifen lamaistische Klöster und sogar den Sitz des Dalai Lama an. Im Zuge dessen flüchtet der Dalai Lama ins Exil nach Indien.


Konfliktverlauf

Am 22. März 1959 wird das Kriegsrecht ausgerufen. Außerdem wurde der tibetanische Adel verfolgt und so flüchten tausende Tibetaner nach Indien. Dies hat eine Verschlechterung des Verhältnisses von Indien und China zur Folge.1962 kommt es zu einem Grenzkrieg. Im Jahr 1964 setzt die chinesische Regierung den Dalai Lama und den Pantschen Lama als Regierungsoberhäupter Tibets ab. Tibet wird 1965 offiziell der Status einer autonomen Region Chinas eingeräumt.

In den 70er Jahren lässt der Druck Chinas auf Tibet nach. 1978 wird der Dalai Lama wieder in sein Amt gehoben. Im Jahr 1980 gibt China offiziell zu, in Tibet einen „Fehler“ gemacht zu haben. Peking gewährt den Tibetern einige Liberalisierungen. (Steuernachlässe, Mitbestimmungsrechte in den Betrieben, Liberalisierung des Handels, Tibetisch wird wieder Unter-richtssprache). Dem Dalai Lama wird die Rückkehr angeboten, wenn er die Forderung nach einem unabhängigen Tibet auf-geben würde. In den Jahren 1987/88 erschüttern gewaltsame antichinesische Demonstrationen das Verhältnis beider Seiten erneut.

Am 1. Mai 1990 wird das Kriegsrecht wieder aufgehoben. Zu diesem Zeitpunkt leben in Tibet sechs Millionen Tibeter und sieben Millionen Chinesen. Die chinesische Regierung bietet dem Dalai Lama Unabhängigkeitsgespräche an. Das Oberhaupt der Tibeter fordert sein Land auf, eine Volksbefragung, in der über Unabhängigkeit, Autonomie und Zugehörigkeit zu China abgestimmt werden soll, zu unternehmen. Im August 1993 folgen erstmals Gespräche zwischen dem Dalai Lama und China. 1994 entwickelt China ein Entwicklungsprogramm zur Erhöhung des Lebensstandards für Tibet.

Im Januar 1996 inthronisiert der Dalai Lama Tenzin Gyatso, den neuen Pantschen Lama, ein sechsjähriges Kind, welches sich im Gewahrsam der chinesischen Behörden befindet. Im Jahre 1998 startet der „Tibetan Youth Congress“ in Delhi einen zweimonatigen Hungerstreik um zu erreichen, dass die internationale Staatengemeinschaft auf das Problem in Tibet aufmerksam würde. Am 29. April des selben Jahres ruft der „Tibetan Youth Congress“ zu einem Solidaritätshungerstreik auf. Den „Höhepunkt“ des gewaltlosen Widerstandes bildet die Selbstverbrennung des Tibeters Thupten Ngabup.

Im März 2008 starten erneut Proteste in ganz Tibet gegen die chinesische Herrschaft. Die anfäng­lich friedlichen Proteste der Mönche eskalieren, vor allem in der Hauptstadt Lhasa, zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der protestierenden tibetischen Bevölkerung und der chinesischen Polizei, die versucht die Proteste schnell und "leise" niederzuschlagen.

Die chinesische Regierung verbietet ausländischen Reportern nach Tibet einzureisen, bittet Touristen das Land zu verlassen und verweist die internationale Politik wieder einmal auf ihren Anspruch, Tibet sei ein Gebiet des chinesischen Territoriums, das nicht heraus gelöst werden dürfe. China lehnt eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten kategorisch ab. Die Proteste enden erst gegen Ende März 2008 nach einem Aufruf zum Gewaltverzicht durch den Dalai Lama, der im Falle weiterer Gewalttaten von tibetischer Seite her mit seinem Rücktritt droht.

Am 14. März 2011 kündigt der Dalai Lama seinen Rücktritt als politisches Oberhaupt der Exilregie­rung Tibets an. Er wird seine politischen Vollmachten auf die Exilregierung übertragen. Damit treibt der Dalai Lama die von ihm angestrebte Demokratisierung Tibets weiter voran. Allerdings könnte sein Rücktritt noch einen anderen Grund haben. Die Einsetzung eines neuen Dalai Lama kann 20 Jahre und mehr dauern und somit hätte Tibet jahrelang sowohl ohne Symbolfigur als auch echten politischen Führer auskommen müssen. Der Dalai Lama bleibt jedoch weiterhin der Repräsentant und die Symbolfigur des tibetischen friedlichen Widerstandes.


Konfliktprognose

Aufgrund der gegensätzlichen Standpunkte Chinas und der tibetischen Exilregierung ist eine Eini­gung mittelfristig nicht absehbar. Hilfe aus tibetischer Sicht kann nur von außen kommen, doch die ist unwahrscheinlich, solange kein Staat und keine große internationale Staatengemeinschaft ihre diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu China durch eine offene Unterstützung Tibets riskieren will. Des Weiteren bleibt abzuwarten, wie sich die veränderte Position des Dalai Lama in Zukunft auswirken wird.

Sebastian Eckart , Juni 2005,
Überarbeitet von Bodowin Weber, März 2011