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A F G H A N I S T A N
In diesem Konflikt geht es um eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Konfliktparteien USA (und Großbritannien) und dem in Afghanistan herrschenden Taliban-regime. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 haben die USA das Interesse, dass die Terroristen von Al Kaida ausgeliefert werden und dass das Talibanregime zerschlagen wird. Die Machtmittel der USA liegen haupt-sächlich im Militär. Sie können aber auch wirtschaftliche Sanktionen und Embargos gegen Afghanistan verhängen. Die Talibanregierung kann stets mit terroristischen Akten drohen und den Bau einer Ölpipeline eines US–Konzerns durch Afghanistan verhindern.

Konfliktursachen
1994 beginnen Rebellengruppen, die Taliban, Afghanistan einzunehmen, was ihnen innerhalb der nächsten zwei Jahre vollständig gelingt. Sie rufen den rein islamischen Staat aus und führen das Rechtssystem der Scharia ein. Osama bin Laden bildet eine Terrorgruppe, die Al Kaida, aus einer ehemaligen Mujaheddintruppe. Sie steht den Taliban ideologisch nahe und ist daher im Land willkommen. Die UNO wünscht (schon seit 1999), dass Bin Laden ausgeliefert wird, und verhängt daher Sanktionen über Afghanistan.

Konfliktauslöser
Ausgelöst wird der Krieg in Afghanistan durch den Anschlag auf das World Trade Center in New York City am 11. September 2001. Al Kaida erklärt, dass dieser Anschlag ihr Werk sei. Daraufhin setzen sich die USA das Ziel, Al Kaida zu zerschlagen und Bin Laden gefangen zu nehmen ("Anti-Terror-Krieg").

Konfliktverlauf

Die Nato ruft zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall aus und die Angriffe auf Afghanistan beginnen am 7. Oktober 2001 mit Luftschlägen auf strategische Ziele durch die USA. Neben den USA wirkt auch Großbritannien maßgeblich bei den Angriffen mit. Die Flugabwehr ist ab dem 15. Oktober 2001 komplett inaktiv und die Luftschläge können jetzt auch tagsüber durchgeführt werden. Diese Mission stellte mit einer Dauer von 44 Stunden die längste Mission der amerikanischen Luftwaffe dar.

Die Kriegshandlungen am 7.Oktober 2001 waren die ersten unter dem Dach der OEF (Operation Enduring Freedom). Heute sind circa 70 Staaten an dieser Mission beteiligt. Der Bundestag stimmte am 16. November 2001 erstmalig einer Beteiligung zu. Deutsche Soldaten kämpfen jedoch kaum in Afghanistan, sondern „vertreten“ mit 256 Marinesoldaten amerikanische Verbände bei der Überwachung der Seewege am Horn von Afrika.

Die Taliban haben zu Beginn des Konfliktes 40.000 und Al Kaida rund 10.000 Kämpfer, jedoch desertieren viele nach den ersten Luftangriffen. Großbritannien hat ein Truppenaufgebot von 20.000 Soldaten und die USA haben ein Truppenaufgebot von 28.000 Soldaten in der Region. Die USA dürfen Basen in Usbekistan und Pakistan für ihren Feldzug benutzen. Am 30. Oktober 2001 intervenieren die US-Bodentruppen. Im Norden Afghanistans kämpft die Nordallianz, ein loser Bund von Kriegsfürsten (warlords), als Verbündete der USA gegen die Taliban. Sie machen rasche Gebietsgewinne, jedoch lehnt man sie in der Völker-gemeinschaft als neue Regierung ab, da sie sonst ähnlich chaotische Zustände als Kriegsfürstenregierung schaffen könnten, wie sie zwischen 1992 und 1996 existierten.

Am 13. November 2001 marschiert die Nordallianz, entgegen der Abmachung mit den Amerikanern, in Kabul ein. Im Süden Afghanistans kommt es zu mehreren Aufständen, da paschtunische Stammesführer nach der Befreiung von den Taliban befürchten, dass die Nordallianz zu viel Einfluss erlangen könnte. Am 7. Dezember 2001 fliehen die restlichen Taliban aus Kandahar nach Tora Bora. Damit ist endgültig die Talibanherrschaft gebrochen und der Krieg somit offiziell beendet. Auf Seiten der Taliban und der Al Kaida sind in diesem zweimonatigen Konflikt mindestens 10.000 Kämpfer gefallen. Osama bin Laden wurde jedoch bis heute nicht gefangen genommen.

In diesem seither immer noch offenen Konflikt wird weiterhin Waffengewalt auf beiden Seiten als Machtmittel eingesetzt. Der Lösungsansatz der USA ist, den Talibaneinfluss vollständig zu beseitigen und eine Demokratie einzuführen. Unter Hamid Karzai wird eine Übergangsregierung gebildet, diese wird am 5. Dezember 2001 bei der Petersberg-Konferenz im Amt bestätigt.

Der UN-Sicherheitsrat bezeichnet in zwei Resolutionen (1368 vom 12.9.2001 und 1373 vom 28.9.2001) die Anschläge als Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit und eröffnet damit den Mitgliedstaaten auch das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung. Der „Anti-Terror-Krieg“ in Afghanistan ist folglich von den Vereinten Nationen (zumindest anfangs) legitimiert. Am 14. November 2001 wird von der UNO in der Resolution 1378 beschlossen, dass eine multilaterale Friedenstruppe eingerichtet werden soll. In der Resolution 1386 wird am 20. Dezember einer UN-Friedenstruppe von 5.500 Mann ein Frieden erzwingendes Mandat zugesprochen.

Am 22. Dezember 2001 beschließt der Bundestag auch eine Beteiligung deutscher Soldaten am ISAF-Einsatz. Die ISAF ist die „International Security Assistance Force“ (Internatinonale Schutztruppe), welche geschaffen wurde um den Wiederaufbau in Afghanistan zu unterstützen. Soldaten dieser Truppe übernehmen unter anderen polizeiliche Aufgaben. Der Einsatz der ISAF beschränkt sich zunächst auf Kabul. Im Oktober 2003 beschließt der Bundestag eine Ausweitung des Einsatzgebietes. Es wurden 450 deutsche Soldaten im nordafghanischen Kunduz stationiert. Im Juli 2004 wurden weitere Soldaten in Feyzabad stationiert. Heute umfasst die ISAF circa 35.000 Soldaten aus 38 Ländern. Den größten Teil stellen die USA mit 15.000 Soldaten. Deutschland stellt circa 3.000 Soldaten und 6 Tornados (seit 2007), die der Aufklärung dienen sollen.

Hamid Karzei wird am 9. Oktober 2004 mit 55,4 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Präsidenten gewählt. Die Wahlen wurden von ISAF-Truppen abgesichert. Am 18. September 2005 kam es in Afghanistan zu Parlamentswahlen.

Heute stellen die Entwaffnung der Miliz und die Suche nach Terroristen die Hauptpunkte der OEF. Da es jedoch immer wieder zu vielen Opfern in der Zivilbevölkerung kommt, ist die OEF sehr umstritten. Viele Deutsche sind sogar der Meinung, dass diesem Einsatz heutzutage jegliche völkerrechtliche Legitimation fehlen würde. Auch unter den Soldaten kommt es zu vielen Toten. Der Stand vom 30. Januar 2008 zeigt, dass bisher 482 amerikanische Soldaten, 87 britische 78 kanadische, 25 deutsche und 91 Soldaten aus anderen Nationen im Afghanistan-Einsatz gestorben sind.


Konfliktprognose

Es ist bis heute kein Ende der Kämpfe zwischen den Taliban und den US-Truppen in Aussicht, weshalb es immer wieder zu Verlängerungen der OEF kommt. Auch die Selbstmordanschläge nehmen seit 2005 wieder zu und richten sich nicht mehr ausschließlich gegen politische bzw. militärische Ziele. Immerhin kam es im Jahre 2004 zur Verabschiedung einer Verfassung und am 18. September 2005 zu Parlamentswahlen. Dies war jedoch nur durch die Hilfe von ISAF-Truppen möglich. Von allein wird in Afghanistan in nächster Zeit keine Ruhe einkehren, da immer noch Taliban-Kämpfer existieren, die bei Beendigung der OEF und des ISAF-Einsatzes Afghanistan zurückerobern könnten. Die Taliban-Kämpfer halten sich allerdings oftmals nicht mehr in Afghanistan, sondern im Nachbarland Pakistan auf. Deshalb kommt auch immer wieder die Frage auf, wie man in Afghanistan Terroristen jagen will bzw. ob man den Kampfeinsatz OEF nicht doch besser einstellen sollte.

Am 12. Oktober 2007 beschließt der Bundestag mit großer Mehrheit – gegen die Stimmen der Partei Die Linke - die Zusammenlegung und Fortsetzung der beiden ISAF-Mandate. Am 15. November 2007 beschließt der Bundestag ebenfalls mit großer Mehrheit – gegen die Stimmen der Grünen und der Partei Die Linke – die Fortsetzung des OEF-Mandats. Damit wird der Anti-Terror-Kampf sowohl mit militärischen Mitteln als auch mit den Mitteln des Wiederaufbaus und der Entwicklungshilfe fortgesetzt. In den zivilen Wiederaufbau sollen jetzt deutlich mehr Mittel investiert werden, allerdings immer noch ungleich weniger als in das Militär.

Neben generellen Fragen des Nation-Building nach einem Kampfeinsatz gibt es für die Weltgemeinschaft in Afghanistan viele weitere ungelöste Probleme. Die militärischen Anschläge durch Taliban-Kämpfer müssen zurückgedrängt werden. Gleichzeitig darf der eigene Kampf gegen die Taliban nicht zu hohe zivile Opfer der afghanischen Bevölkerung hervorrufen, andernfalls sinkt die Zustimmung zum gesamten Einsatz der Weltgemeinschaft in dem Land unaufhörlich weiter. Die militärische Absicherung des zivilen Wiederaufbaus scheint bis auf weiteres notwendig. Ein weiteres Problem stellt der Mohnanbau dar. Die meisten Bauern in Afghanistan beginnen wieder mit dem Drogenanbau, da dies ihre einzige Möglichkeit ist an Geld zu kommen. Man müsste diesen Bauern eine andere Möglichkeit geben selbständig ein Einkommen zu erzielen, das das Überleben der Familien sichert. Die hohe Korruption ist ein weiteres dramatisches Problem in Afghanistan. Schließlich müssten beim zivilen Wiederaufbau noch viel mehr als jetzt afghanische kulturelle Traditionen integriert werden, damit die Akzeptanz bei der Bevölkerung deutlich zunimmt.

Lukas Wahl, Juni 2004;
Überarbeitet von Fabian Rößner, März 2008